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Der geschichtliche Rahmen

Die nachfolgenden Berichte über die Besiedelung und das Urkirchspiel im Holstengau wurde aus dem „Schenefelder Heft 1", hrsg. von B. G. Weilbach im Jahre 1963, entnommen

Eine der wichtigsten Aufgaben der Archäologie ist die Erforschung der vor und frühgeschichtlichen Burgen und Befestigungsanlagen aller Art. Der 1944 verstorbene Altmeister der deutschen Burgenforschung, Carl Schuchhardt, hat das einmal folgendermaßen begründet: „Die beweglichen Altertümer, Töpfe, Waffen, Geräte und Schmuck, enthüllen uns die Kultur des Volkes und lassen uns auch die Abgrenzung gegen andere Völker erkennen; die Häuser, Gräber, die alte Überlieferungen festzustellen pflegen, können uns sogar an die Wurzeln des Volkes führen; aber das einzige politische Element, das, was uns zeigt, wer Herr im Lande war, gegen welchen Feind man sich sichern musste und wie diese Verhältnisse wechselten und sich verschoben, - sind die Burgen. Es kann sein, dass ein Land keine Burgen hatte; dann war tiefer Frieden, nicht bloß nach außen hin, sondern auch unter den Volksklassen im Innern. Nachher aber wuchsen große Burgen auf, gauweise, als Zentralpunkte der Verwaltung und Mobilmachung. Gegen die Grenzen des Landes werden sie dichter gereiht. Sie sind stark gebaut und waren für harte Kämpfe bestimmt. Aber auf einen Schlag hört ihrer aller Benutzung auf. Ganz andersartige Befestigungen treten in Menge an ihre Stelle, und was man in ihnen findet, ist fremdes Gut. Die großen Volks- und Gauburgen sind vom Feinde bewältigt, und der Feind hat sich zum Herrn des Landes gemacht." Die allgemein gehaltene Formulierung ist so treffsicher, dass man sie fast wortwörtlich auf schleswig-holsteinische Verhältnisse übertragen und beinahe als Zusammenfassung der Ergebnisse an den Schluss der nachfolgenden Ausführungen, die sich mit der zeitlichen Bestimmung und der Bedeutung der Wehranlagen im alten sächsischen Holstengau auseinandersetzen, stellen könnte.

In der Völkerwanderungszeit hatten sich größere germanische Bevölkerungsteile aus ihrer Heimat im ostelbischen Raum gelöst und waren nach Süden gezogen oder hatten sich, wie die Angeln in Schleswig und die Sachsen in Holstein, an der Überwanderung nach England beteiligt. In die stark ausgedünnten germanischen Gebiete stießen die ursprünglich östlich der mittleren Weichsel siedelnden Slawen allmählich nach; sie besetzten das heutige Mitteldeutschland etwa zu Beginn des 7. Jahrhunderts. Man nimmt an, dass ihre Westausdehnung im Laufe des 8. Jahrhunderts nach Chr. Geb. ost- und südholsteinischen Boden erreicht hatte. Damit war ein Gebiet, das lange Zeit ausschließlich von germanischen Stämmen bewohnt gewesen war, erstmalig einer fremdsprachigen, nichtgermanischen und zudem noch expansionsfreudigen Bevölkerung zugefallen, deren Nachbarschaft zu einer Dauerbedrohung wurde und jahrhundertelange wechselvolle Kämpfe auslösen sollte.

Die noch in lockeren Stammes- und Sippenverbänden organisierten Westslawen, deren unterste politische Einheiten aus kleineren Siedlungsgruppen mit jeweils einer Burg als Mittelpunkt bestanden, stellten noch keinen einheitlichen Machtblock dar; sie standen noch ganz am Anfang halbstaatlicher Entwicklungen, und es gab noch kein in sich gefestigtes zentrales Königtum.

Mit dem westlichen Stamm, den Abroditen, hatte sich Karl d. Große verbündet, um durch sie den Widerstand der noch nicht unterworfenen nordalbingischen Sachsen zu brechen, die während der Sachsenkriege bei den Dänen einen Rückhalt gefunden hatten. Gleichzeitig hoffte er, mit seinen slawischen Verbündeten einen Riegel zwischen die im Erstarken begriffene dänische Herrschaft nördlich der Schlei und die Grenze seines Reiches an der Elbe schieben zu können. Die Verwirklichung dieses Planes nahm im Jahre 708 ihren Anfang, als es einem Heer der Abodriten gelang, die nordalbingischen Sachsen auf dem „Sventanafeld” (Schwentinefeld) in der Gegend von Bornhöved zu schlagen, ein Datum, mit dem die Slawen bei uns erstmalig bezeugt sind. - Vier Jahre später durchzog ein fränkisches Heer das Land nördlich der Elbe, und im Jahr 804 überließ Karl seinen Verbündeten ganz Nordalbingien.

NordalbingienNordelbingen[1] oder Nordelbien („Gebiet nördlich der Elbe“) war im 8. Jahrhundert ein Teil des sächsischen Bevölkerungsgebietes, der vermutlich außerhalb der Dreigliederung von EngernOstfalen und Westfalen lag. Er deckte sich weitgehend mit dem Gebiet des westlichen Holsteins und Hamburgs nördlich der Elbe. Nordalbingien gliederte sich in die drei sächsischen Gaue DithmarschenHolstein und Stormarn. Nördlich der Eider folgte ein Grenzgebiet, welches in der Literatur als Dänische Mark bezeichnet wird.

Auf den engeren Raum des Holstengaues fällt erstmalig im Jahre 809 das Licht der geschichtlichen Überlieferung, als fränkische und dänische Gesandte an einem Ort namens Badenflioth (= Beidenfleth) zu Verhandlungen zusammentraten, um die wachsenden Spannungen zwischen Dänen und Franken beizulegen, die sich aus wiederholten dänischen Übergriffen auf abodritisches Territorium ergeben hatten. Solche und ähnliche Vorfälle, in deren Verlauf auch der von Karl d. Gr. bei den Abodriten eingesetzte Gesamtherrscher in Reric, einem bis heute nicht bekannten Ort an der Ostseeküste, von den Dänen erschlagen wurde, spiegeln letztlich die Schwäche und mangelnde Abwehrkraft der Abodriten wider; das führte allmählich zu einer Umstellung der fränkischen Politik, da die Slawen offensichtlich der ihnen zugedachten Rolle, den Schutz der nördlichen Reichsflanke zu übernehmen, nicht gewachsen schienen. Infolgedessen sah Karl sich vor die Notwendigkeit gestellt, selbst für die Sicherung seiner Interessen nördlich der Elbe zu sorgen. Das war aber nur gewährleistet, wenn er nun auch das nordalbingische Gebiet seinem Reich unmittelbar unterstellte. Daher ließ er im Jahre 810 am Nordufer der Stör an einem Platz namens Esesfelth durch den sächsischen Grafen Egberth ein Kastell errichten, zu dessen Besatzung er Krieger aus ganz Gallien und Sachsen zusammenzog. Diese Maßnahme deutet nach A. Jenkins und W. Lammers an, dass Karl nun mit eigenen Mitteln die Reichsgrenze im Norden schützen wollte und dass er bereits 6 Jahre nach der Abtretung der nordalbingischen Gaue an die Abodriten seine Verfügung rückgängig machte und die Gaue nun endgültig dem Reich angliederte. Es ist bemerkenswert, dass kurze Zeit später, nämlich im Jahre 811, nachdem der Dänenkönig Göttrik, der erbitterte Gegner Karls, den Tod gefunden hatte, neuerliche Verhandlungen mit den Dänen - nun nicht mehr an der Elbe oder Stör, sondern an der Eider stattfanden, an denen sich übrigens auch Graf Egberth beteiligte. Dies ist ein Hinweis auf die zu dem Zeitpunkt bereits vollzogene Vorverlegung der Grenze bis an die Eider, denn solche Verhandlungen pflegte man nach damaligem Brauch meistens im Niemandsland - an der Grenze zweier Länder - zu führen. Als solche wird die Eíder aber erst in einer Quelle des Jahres 815 offiziell bestätigt. lm Zuge der neuausgerichteten fränkischen Politik scheint es zwischen 810 und 818 zu einer klaren Gebietsabgrenzung zwischen den Nordalbingiern und Abodriten gekommen zu sein, auf die sich der im 11. Jahrhundert durch Adam von Bremen aufgezeichnete Verlauf des sogenannten „Limes Saxoniae” bezieht, einer Linie, die sich von der Kieler Bucht längst der Schwentine nach Süden über die Gegend von Bad Segeberg und Bad Oldesloe bis an die Elbe in der Gegend von Lauenburg herunterzog. In der Annullierung der Gebietsabtretung vom Jahre 804 wird man die Hauptursache für eine zunehmende Verschlechterung des fränkisch-slawischen Verhältnisses suchen müssen. 815 scheint das Bündnis aber noch bestanden zu haben, denn in diesem Jahr entsandte Ludwig der Fromme, Karls Nachfolger, ein Heer, dem eine slawische Abteilung angegliedert war, über die Eider zu den Dänen, doch schon 2 ]ahre später, 817, sind aus den ehemaligen Verbündeten Gegner geworden, die gemeinsam mit den Dänen das Kastell Esesfelth belagern. Bereits ein Jahr darauf nimmt eine fränkische Strafexpedition den abtrünnigen Abodritenkönig Slaomir gefangen. In diesem Zusammenhang werden die Führer des fränkischen Truppenkontingentes als Präfekten und Legaten „Limitis Saxonici” bezeichnet. Man wird nach H. Jankuhn der Nachricht entnehmen müssen, dass damals der „Limes Saxoniae” bereits existierte und daß den Präfekten und Legaten die militärische Sicherung der Grenzmark oblag, die wir uns als einen breiten Ödlandstreifen vorstellen müssen.

Für den Rest des 9. Iahrhunderts schweigen die Quellen bis auf wenige Nachrichten darüber, daß Nordalbingien offenbar wiederholt das Ziel feindlicher Einfälle war. Die wachsenden Schwierigkeiten innerhalb des fränkischen Reiches, die mit dem Machtzerfall der Karolinger einhergingen und neu aufbrechende Gefahrenherde an anderen Grenzen, führten dazu, daß die Nordalbingier mehr oder weniger auf sich selbst gestellt, allein dem zweifachen Druck seitens der Dänen und Slawen ausgesetzt waren. In welchem Ausmaße das flache Land bei der Zerstörung Hamburgs durch dänische Wikinger im Iahre 845 oder im Iahre 880 betroffen wurde, als Normannen ein sächsisches Heer - wahrscheinlich westlich der Elbe - vernichteten, wissen wir nicht: Besonders in den ]ahren zwischen 909 und 918 litt der hamburgische Kirchensprengel schwer unter dänischen und slawischen Zerstörungen, die sich schon wenig später mit Einfällen nach Nordalbingien wiederholten.

Erst unter den Regierungen Heinrichs l., Ottos des I. und ll. herrschte längere Zeit Ruhe, bis nach dem Tode Ottos ll. die Slawen erneut ihr Haupt erhoben und wiederholt Nordalbingien plündernd heimsuchten.

Eine längere Friedenszeit erlebte das Land wieder von etwa 1020 bis 1066, die nur um 1032 durch den erwähnten Rachefeldzug des Slawenfürsten Gottschalk nach Westholstein unterbrochen wurde. - Nach dem großen Slawenaufstand 1066 folgten schwere Zeiten fur die Nordalbingier, die den Abroditen vorübergehend sogar tributpflichtig gewesen sein sollen. Erst nach dem Tode ihres Fürsten Kruto um 1093 traten bessere Verhältnisse ein. Seit den letzten Iahrzehnten des 11. Jahrhunderts verlagerten sich Kämpfe in das Grenzgebiet und wurden in den slawischen Siedlungsraum hineingetragen. Der Holstengau scheint nicht mehr unmittelbar davon betroffen worden zu sein. Die Operationsbasis der holsatischen Kampfmannschaft gegen die Slawendürfte in den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts, wenn nicht schon um 1075 im Raume um Neumünster gelegen haben; darauf deutet eine Stelle in Helmolds Slavenchronik, die besagt, daß nach 1139 der mutmaßliche militärische Gauführer, der Overbode Marcrad, der ursprünglich im Falderagau (Neumünster) gesessen habe, nunmehr mit der„virtus Holzatorum”, offenbar einer besonderen, für den Kampf gegen die Slawen aufgestellten Truppe in Bornhöved ansässig geworden sei. Für Hofmeister war die Kaaksburg die alte Volks- und Gauburg der Holsaten, in die sie sich in Notzeiten zurückzogen. Das Gaugebiet umschrieb er etwa mit dem inselartigen Altmoränenplateau, das von den Niederungen der Eider im Norden, den Talauen der Stör im Osten und Süden sowie der Gieselau und Holstenau im Westen begrenzt ist, obwohl weder ein Gau Holsatia noch der Name der Holsaten oder die Gauinstitution als solche für die karolingische und vorkarolingische Zeit historisch bezeugt sind. Den Namen der Holsaten nennt erstmalig Adam von Bremen, und der Gau als solcher wird noch später erwähnt, obwohl kaum bezweifelt wird, dass die Wurzeln dieser Einrichtung bis in die vorkarolingische Zeit zurückreichen. Hofmeister fehlten für die Festlegung des Gauumfanges einfach brauchbare Unterlagen, und die Kritik hat ihm die Fragwürdigkeit des methodischen Verfahrens, von viel jüngeren historischen und volkskundlichen Belegen sowie geographischen Gegebenheiten auszugehen, angekreidet. Trotzdem muss man ihm nach den geistreichen Untersuchungen H. Ramms zugestehen, dass die in sich geschlossene Altmoränenlandschaft als formender Faktor den Zusammenschluss der in diesem Raum siedelnden Menschen zu einer politischen Gemeinschaft entscheidend begünstigt haben dürfte.