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Seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Neuer Lebenszuschnitt

Schenefelder Patrioten hatten sich 1864 am nördlichen Ortsausgang, wo die „Richterkuhle” liegt, eingefunden, um den Erbherzog Friedrich von Augustenburg zu begrüßen. Seitdem die Preußen und Österreicher gemeinsam 1864 die Dänen aus Schleswig-Holstein vertrieben hatten, schien es, dass unter der Regierung des Herzogs die Einheit und Selbständigkeit der Herzogtümer wieder aufleben würde.

Doch Bismarck wünschte keinen neuen deutschen Kleinstaat und betrieb die Einverleibung in das Königreich Preußen, die nach der Ausschaltung Österreichs infolge der Niederlage bei Königgrätz 1866 endgültig am 12. Januar 1867 vollzogen wurde.

An die Episode der Huldigung des Augustenburgers durch die Schenefelder erinnert ein Gedenkstein, der fünfzig Jahre später errichtet wurde. Andere Einwohner - und deren Zahl war nicht gering - stimmten für Preußen, wie Bismarck sich überhaupt auf anschlussbereite Kräfte im Lande stützen konnte. Mit dem Einsetzen der preußischen Provinzialregierung begann ein neuer - nicht nur politischer - Abschnitt in der Geschichte des Landes. In den folgenden Jahrzehnten wurden die überkommenen, bodenständigen Einrichtungen abgebaut.

Das Amt Rendsburg, eine Gründung des hohen Mittelalters, wurde 1867 aufgelöst und aus ihm mit anderer Grenzführung der Kreis Rendsburg auf der Grundlage kommunaler Selbstverwaltung gebildet. Diejenigen Hufen in den Dörfern Pöschendorf und Kaisborstel, die bisher der Kirchspielvogtei Schenefeld unterstanden, wurden abgetrennt und zusammen mit den ehemals dragischen Besitzungen (Auflösung des Gutes Drages 1787) in Reher, Christinenthal, Pöschendorf, Kaisborstel und Hadenfeld dem Kreise Steinburg zugelegt. So kommt es, dass der Hauptort des Kirchspiels nicht mehr in der Mitte, sondern an dessen südlicher Grenze liegt.

Auch die altertümliche Kirchspielsverfassung erfuhr entscheidende Änderungen. Bereits 1858 war ihr die Rechtspflege genommen und dem Rendsburger Amtshaus zugewiesen worden. 1867 wurden die vorhandenen fünf Kirchspiele zu dreien, nämlich Rendsburg, Nortorf und Schenefeld, zusammengelegt. Die Schenefelder Kirchspielsvogtei reichte damals bis über Hohenwestedt hinaus. Der moderne Verwaltungsgrundsatz, dass Justiz und Administration nicht in einer Hand sein dürfen, machte eine Neuregelung des Gerichtswesens in Holstein nötig. Damals herrschte ein Wettstreit zwischen Hademarschen und Schenefeld, welcher Ort Sitz des Amtsgerichtes werden sollte. Als alte Kirchspielsmitte hatte Schenefeld ein historisches Recht darauf. Die Mitglieder des Sparkassenvereins traten am 3. Februar 1868 zusammen, um über Mittel und Wege zu sinnen, wie man das Amtsgericht nach Schenefeld ziehen könne. Der Beschluss wurde gefasst, das heutige Amtsgerichtsgebäude zu erbauen und der Gerichtsverwaltung gegen billige Miete zu überlassen. So entstand das mit einem Treppengiebel geschmückte Gerichtshaus an der Hauptstraße, Mittelpunkt des über die Kirchspiele Schenefeld, Hademarschen und Wacken sich erstreckenden Amtsgerichtsbezirks.

1889 erfolgte die Auflösung der letzten drei Kirchspielvogteien. Ihre Verwaltungsfunktionen übernahmen die neuerrichteten Amtsbezirke, Zusammenfassungen mehrerer Ortschaften. Auch Schenefeld wurde Mittelpunkt eines Amtsbezirks, an dessen Spitze Christian Stahl berufen wurde. Als Untergliederung des Amtsbezirks fungierten die 1867 neugebildeten Gemeinden mit dem Gemeindevorsteher, heute Bürgermeister, als Vorsitzenden der Gemeindevertretung. Der aus den Steinschen Reformen erwachsene Gedanke der kommunalen Selbstverwaltung wurde von der Kreisebene bis in die Gemeindeverfassung konsequent durchgeführt. Er traf auf eine überlieferte Gewohnheit der Landeseingesessenen, die öffentlichen Dinge selbst zu regeln.

Auch das geistliche Kirchspiel, den riesigen von Vaale bis Haale sich erstreckenden Pfarrbezirk, löste man auf. Bei der rasch ansteigenden Bevölkerungsziffer war eine eingehende Seelsorge schwierig geworden. Die bereits in den fünfziger Jahren angebahnten Bestrebungen gelangten 1863 zu einem glücklichen Abschluss. In Todenbüttel und Wacken errichteten spendenfreudige Kreise der Bevölkerung eigene Kirchen; fortan blieb die Geltung des Schenefelder Pastorats auf den engeren Umkreis beschränkt.

Die Auflösung des weltlichen und geistlichen Kirchspiels Schenefeld hatte naturgemäß für den Ort Nachteile wirtschaftlicher Art. Die Randteile verselbständigten sich. Das zeigte sich auch darin, dass Wacken 1870 eine eigene Sparkasse errichtete. Auch die 1854 vollzogene Aufhebung des Mühlenzwanges, der den Kirchspielseingesessenen gebot, die 1711 gegründete Wassermühle Neumühlen von weither aufzusuchen, leistete der Dezentralisation Vorschub. Mochte auch der Müller A. Behrens energisch auf sein königliches Privileg pochen und in der Verhandlung mit dem Regierungsbeauftragten wegen der Ablösung dieser Gerechtsame sein gutes Recht verteidigen, die Zeit der Bevorrechtigungen und des Wirtschaftszwanges war endgültig vorbei. Vergeblich hatte er gegen den der dragischen Jurisdiktion unterworfenen Müller von Hadenfeld Protest erhoben, bei dem die Agethorster vorfuhren, da ihnen der Weg nach Schenefeld zu weit war. Die Macht der Tatsachen hob das überholte Privileg auf.

Die Einführung der Gewerbefreiheit entband die Wirtschaft von lästigen Fesseln und führte auch in Schenefeld zu einem Aufschwung, der sich im weiteren Wachstum des Ortes bezeugt.

Ein verheerender Brand hatte 1877 eine Reihe von Häusern zerstört. Man baute wieder auf, aber nicht im alten Stil der niedrigen und engen Katen, sondern weiträumiger und höher, um die gesteigerten Ernteerträge bergen zu können und um mehr Platz zum Wohnen zu haben. Das billige Pappdach trat seinen Siegeszug an.

Die Zahl der Bevölkerung stieg 1874 auf 769 Einwohner an (1860: 703). Neue Häuser entstanden. Vor allem die Ortsmitte erhielt einen ansehnlichen Kern. Die um den Kirchhofsvorplatz bis zur Mühlenstraße errichteten Gebäude stimmen in ihrem Aussehen gut überein und verleihen dem Ortsinnern einen für ländliche Ansiedlungen seltenen Eindruck baulicher Geschlossenheit. Die Postverbindung wurde derzeit von einem pferdebespannten „Omnibus“ unterhalten, der in zwei Stunden nach Itzehoe, in 5¼ Stunden nach Heide fuhr. Von der Behäbigkeit der damaligen Zeit weiß man sich noch vieles zu erzählen, von dem reimeschmiedenden Bäcker Metting, der mit seinen „Stuten“ in die Umgebung zog, von den trinkfesten Leuten, die sich am „Großen Wachtmeister", einem dreifachen Schnaps zu einem Groschen, wohltaten und Zigarren zu fünf Pfennig das Stück rauchten. Wenn Markttag war – zweimal jährlich, im Frühjahr und Herbst -, war es allerdings mit der Ruhe und Gemächlichkeit auf der Straße vorbei. Bereits am Vortage trafen Käufer und Verkäufer ein. Von weither kamen herbsttags die Ochsenherden über den alten Landweg vom Keller her. Schon von weitem konnte man das Brüllen der Tiere hören, unterbrochen von den hellen Rufen der Treiber. Die Nacht über lagerten die fettgeweideten Tiere auf den Koppeln; 300 bis 500 Stück trieb man auf den „Stets”, der übrigens damals noch nicht völlig kultiviert war. In den Krügen herrschte am Vorabend bereits Hochbetrieb. Den „Kramerabend” feierten vor allem die Geschäftsleute, die den Markttag über zu tun hatten. Die ganze Marktstraße war eine einzige Feststraße. Auch Privatleute hatten Ausschankgenehmigung am Markttage. Die Wirte hatten sich eingedeckt, Bier aus Kellinghusen geholt, den Schnaps von Gastwirt A. Carstens, der auf dem „Nordpol“ eine Spritbrennerei betrieb. Gäste von nah und fern trafen ein und suchten Unterkunft. Wenn der verstorbene Bauer H. Maas erzählte, dass einmal 200 Menschen abgewiesen werden mussten, weil alles belegt war, so zeigt das die hervorragende Rolle, die der „Schenefelder Markt“ vor über 50 Jahren spielte. Es blieb nicht aus, dass man sich am Vorabend handelseinig wurde, obwohl eine Verfügung des Rendsburger Amtshauses von 1686 einen Handel am Vortage des Marktes streng untersagte. Die Viehhändler kamen sogar aus dem Hannöverschen, ja, man berichtet von Besuchern aus der fernen Schweiz.

Wenn es Zeit war, sich zur Nachtruhe zu begeben, pflegten die Händler ihre Geldbörsen abzuschnallen, in denen sich nicht selten ein Barinhalt von etwa 2000 bis 3000 Mark (gleich 10 bis 15 Ochsen) befand. Sie legten ihre „Geldkatt“ auf die Bank in der Gaststubenecke und gingen schlafen. Viele begnügten sich mit der unbequemen Lagerstatt auf den Kornsäcken im Peperkornschen Speicher. Sie konnten sicher sein, am nächsten Morgen ihr Geld unberührt vorzufinden.

Die Sonne, die einen klaren, kühlen Oktobermorgen heraufführte, überstrahlte ein unvorstellbares Gewimmel von Mensch und Tier in den Straßen Schenefelds. Die Marktstraße war der eigentliche Viehmarkt. Vom „Marktplatz“ bis zur „Loh“ hatte man sogenannte Recken, hölzerne Pfähle mit Querbäumen, aufgestellt. Dicht an dicht war hier das Hornvieh angebunden. 1000 Rinder sind kein ungewöhnlicher Auftrieb gewesen. 1892 finden wir 1000 Rinder und 890 Pferde angegeben. Der Pferdemarkt spielte sich in der Holstenstraße auf der ganzen Länge vom Pastorat bis über den „Nordpol“ hinaus ab. In diesem Gedränge wurden die Pferde vorgetrabt, das Wiehern mischte sich mit den anfeuernden Rufen der Verkäufer, dem Peitschenknallen und dem lebhaften Handelsgespräch, das nach alter Sitte mit einem Handschlag geschlossen wurde.

Der endgültige Abschluss fand dann im Wirtshaus statt. Man trank Grog. In dem Zelt, das auf dem Peperkornschen Hofe aufgeschlagen war, wurde der Rumgrog in 20-Liter-Milchkannen ausgeschenkt. Bei der regen Nachfrage war nicht zu befürchten, dass er kalt wurde. Andere kauften auf dem Krammarkt ein, suchten und fanden ihre Verwandten und Bekannten und trafen sich zu einem Gedankenaustausch in den Gaststuben. Die Jugend schwang bereits am Vormittag das Tanzbein, ein lebhafter Verkehr floss an den Buden und Karussells hin und her - es war Markt und Volksfest zugleich. H. Maas nannte einmal die Anzahl von 5000 Besuchern, die diesen Anziehungspunkt von nah und fern aufsuchten.

Bereits um die Jahrhundertwende ließ der Markt in seiner Bedeutung nach. Der Grund liegt in dem weiteren Ausbau des Eisenbahnverkehrsnetzes, das das Mastvieh aus der Marsch direkt in die Industrieorte West- und Mitteldeutschlands führte und solche Landmärkte wie Schenefeld ausschaltete.